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Michael Hirschbichler

Vorstadt Wildnis

Vom Reichtum gebrochener Räume

„Jede Art von Stadtplanung muss ja eigentlich per Definition auf irgendeine Homogenität
zielen. ‚Stadt’ ist für mich das Gegenteil. ‚Stadt’ will sich durch Gegensätze definieren, will
explodieren.“


Wim Wenders



Vorstadtwildnis

Versuch einer Charakterisierung

Vorstädte sind Räume urbaner Wildnis, Räume der Inhomogenität und des Bruchs . Fernab
der heilen Welt alter Stadtzentren sich ausbreitend, meist gesichtslos, zerschnitten von
Infrastrukturen. Eine Anhäufung verschiedenartigster kontrastierender Stadtfragmente. Ihre
mangelnde Fähigkeit zur Identitätsstiftung wird oft beklagt. Vorstädte sind Räume des
Verlusts von Bedeutung, der Unterordnung von Bedeutung unter Funktion und nicht zuletzt
Räume des Bildverlusts, sofern damit ein klar zu lesendes Stadtbild gemeint ist. Vorstädte
sind durchsetzt mit blinden Flecken und Leerstellen, mit Brachen und Niemandsländern, die
zwangsweise die Bildung eines einheitlichen Stadtbildes verweigern müssen. Die Ästhetik der
Vorstadt ist eine Ästhetik des Bruchs. Vergleicht man sie mit den alten Zentren der
traditionellen europäischen Stadt, tritt dieser Mangel an Einheitlichkeit und Fassbarkeit umso
offensichtlicher zutage. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Bestrebungen vieler
städtischer Planungsinstitutionen dahin gehen, in den Vorstädten einheitliche Stadtbilder zu
etablieren, die das Verständnis und die Identifikation mit der Vorstadt erleichtern sollen.
Problematisch dabei ist jedoch, dass es sich meist um künstliche Bilder handelt, die nicht aus
dem Ort selbst hervorgehen, sondern diesem von außen her angetragen werden, in der
Hoffnung mit bewährten Planungsmethoden der Fragmentierung begegnen zu können und die
gewünschte Homogenität herzustellen. Planung als Verhübschungsprozess überdeckt die
bestehenden Wunden, tilgt die Widersprüche und Differenzen der vorstädtischen Komplexität
und füllt die Leerstellen. Sie bringt den Ort zum Schweigen. Mit der vorliegenden Arbeit soll
ein Ansatz verfolgt werden, der nicht versucht die widersprüchlichen Fragmente der Vorstadt
mithilfe vorgefertigter Planungsmethoden in ein homogenes Bild zu zwingen. Vielmehr wird
in einer Zeit, in der die traditionellen Stadtkerne sich zunehmend in Shopping-Zentren und
touristische Attraktionen verwandeln das Potential der Vorstadtbrachen für eine andere Art
von Urbanität gesehen. Eine Urbanität, welche die Möglichkeiten, die der Diskontinuität und
Fragmentiertheit der Vorstadt entspringen, entdeckt: überraschungsreiche Raumfolgen, die
besondere Aufenthaltsqualität leerer Räume, eine Vielfalt von Lebensformen und Freiheiten.

Vorstadt WildnisVorstadt Wildnis 4

Vorstadt Wildnis Vorstadt Wildnis

 

Martin Matter ETHZ

WS 2005/06 Martin Matter

The City as Company. Letzipark, Zurich